Eine Lebensprognose

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Hallo, ihr Lieben!

Ich weiß, ich bin drei Tage zu spät, Herzchen, aber ich habe es vorher einfach nicht auf die Reihe gebracht, etwas passendes zu finden, das ich gerne mit euch teilen würde. Außerdem war letzte Woche echt viel los. Ich hatte mal wieder eine Episode á la Belfast – alle, die wissen, dass ich letztes Jahr in England war, werden nun schon ahnen was passiert ist. Mein “Ferrari” (liebevoll so von meiner Familie getauft aufgrund seiner roten Lackfarbe und dem italienischen Hersteller) hat sich mitten auf der Bundesstraße, kurz vor der österreichischen Grenze, von seinem Leben verabschiedet. Er wartet immer noch  darauf, dass man seinen Leichnam aus Mittenwald wieder in die Heimat überführt.
Ich möchte gar nicht viel weiter herumreden – Folgendes ist eine Kurzgeschichte vom 06. Oktober 2015, die ich in genau vierundzwanzig Minuten geschrieben habe.

Eine Lebensprognose.

Es war im Herbst, Mitte Oktober vielleicht und es war dunkel. Dunkel, da die Sonne erst in einer Stunde aufgehen würde und dunkel, da das Leben hier einem diese Stimmung mitgab, diese Einstellung über sein Leben, das Leben der anderen, das Jetzt.
Man lebte in seinem Viertel nur nach dem Jetzt. Man dachte nicht an das Morgen, erst recht nicht an die Zukunft und wenn man es doch tat, dann höchstens bis zum Spiel am Wochenende. Man dachte nicht an die Zukunft, weil man keine hatte. Zumindestens keine erstrebenswerte. Man lebte nicht in Armut, man lebte aber auch nicht im Reichtum. Es war wie es ist und es ist wie es ist: Einfach so. Will – nun Will hatte sich dagegen entschieden. Und dann wieder dafür. Er wollte etwas erreichen in seinem Leben und alles riskieren – doch er sehnte sich auch nach Sicherheit. Und dieser Konflikt, der ihn innerlich zerriss mit seinen unsagbaren vielen Facetten und Gesichtern, hielt ihn dort wo er war: In seinem Viertel, sitzend auf dem einzigen Stuhl, den er besaß (und der noch nicht in kleinste Teile zersplittert war), mit dem Koffer, griffbereit neben ihn auf dem Boden. Seine Wohnung war aufgeräumt, alle seine Habseligkeiten in seinem Koffer verstaut, bereit aufzubrechen, so bereit wie er es hätte sein sollen. Aber er saß hier, auf dem Stuhl und saß und dachte nichts. Er hatte sich entschieden, und hatte sich umentschieden und hatte seinen Zweifeln nachgegeben und seinen Gedankensbissen und seine Entscheidung rückgängig gemacht und rückgängig gemacht und diese dann auch wiederrum wiederrufen – er hatte sich sooft umentschieden, dass er nicht wusste, wie er sich entscheiden sollte. Er hatte auf sein Herz gehört, er hatte auf seinen Kopf gehört – Er wusste nicht was er dachte, er wusste nicht was er fühlte. Er wusste nur: da war eine Entscheidung, die getroffen werden musste. Denn er konnte nicht so weitermachen. Rein theoretisch schon, er mochte sein Leben, hier im Viertel und er konnte sich gut vorstellen, hier den Rest seines Lebens zu verbringen. Sein Inneres sträubte sich dagegen. Also hatte er seinen Koffer gepackt und wieder entpackt, das ging so lange, bis sein Koffer schließlich und doch gepackt neben ihn auf dem Boden stand und darauf wartete ergriffen zu werden. Er musste ihn nur nehmen und aufstehen, aus der Tür hinaustreten in dem Morgengrauen – aber er saß da und wartete. Wenn man ihn fragte, was er vo Leben wollte, so wusste er es nicht. Er stammelte – gut leben – und murrte wenn man ihn fragte: Einen Job? Ein Haus? Frau? Kinder? Ja das auch. Warum nicht? Das kann nicht schaden – immerhin beruhen so viele Leben auf diesem Konzept, da kann es doch einem nicht schlecht damit gehen. Aber wenn er ehrlich war, wusste er nicht, ob er das wollte. Eine Aufgabe, ja. Damit ihm nicht langweilig würde und damit das Leben einen Sinn hatte. Einen Sinn fürs Leben wollte er. Frau? Ja. Kinder? Ja. Aber wenn er ehrlich war, ganz ehrlich zu sich selbst und dass auch nur tiefnachts und wenn er allein war und er sich seine Zukunft ausmalte mit den realen Mitteln die er hatte und den realen Wegen, die er gehen konnte, so sah er sich immer allein. Ohne Frau. Ohne Kinder. Es machte ihm keine Angst, es beruhigte ihn – allein ist nicht einsam. Er war auf sich gestellt und so würde es ihn der Zukunft auch sein. So wie es immer war, ohne Konstanten ohne Zwischenfälle. Vertraut. Er sah sich nicht zu etwas großem berufen, aber zu mehr als dem hier, in diesem Viertel. Er wusste nicht was, er wusste nur, dass es mehr war als das. Also saß er da und wartete darauf, dass er nach dem Koffer griff.

What a beautiful loser.

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